Eingezogene Rute, Ausweichen, Hecheln oder plötzliches Bellen: Unsicherheit kann sich bei Hunden ganz unterschiedlich zeigen. Wer die Signale früh erkennt und richtig darauf reagiert, kann seinem Vierbeiner helfen, schwierige Situationen besser zu bewältigen.

Wie Halter ihrem Hund Sicherheit geben und Vertrauen aufbauen können

Fremde Menschen, andere Hunde, laute Geräusche oder ungewohnte Situationen: Was für den einen Vierbeiner völlig selbstverständlich ist, kann einen anderen erheblich verunsichern. Wer die Körpersprache seines Hundes lesen lernt und erste Stresssignale frühzeitig erkennt, kann belastende Situationen entschärfen und seinem Tier dabei helfen, mehr Sicherheit zu gewinnen.

Unsicherheit zeigt sich bei Hunden längst nicht immer auf die gleiche Weise. Manche Tiere ziehen sich zurück oder versuchen auszuweichen, andere werden unruhig, bellen oder reagieren impulsiv. Auch aggressiv wirkendes Verhalten kann in bestimmten Situationen durch Angst oder Unsicherheit ausgelöst werden.

„Hunde kommunizieren Unsicherheit meist über ihre Körpersprache“, erklärt Tierärztin Dr. Daphne Ketter, Inhaberin der Tierarztpraxis für Verhaltensmedizin „Tierverhalten München“. „Wer die Signale kennt, kann Stress schon erkennen, bevor der Hund laut wird oder sich zurückzieht. Typische Hinweise sind eine eingezogene Rute, angelegte Ohren, starkes Hecheln, Gähnen oder vermehrtes Lecken.“

Wichtig ist dabei immer das Gesamtbild. Einzelne Verhaltensweisen wie Hecheln oder Gähnen bedeuten nicht automatisch, dass ein Hund Angst hat. Situation, Körperhaltung, Mimik und weitere Signale sollten gemeinsam betrachtet werden.

Woran erkennt man Unsicherheit beim Hund?

Unsicherheit kann leicht als Ungehorsam oder „schlechtes Benehmen“ missverstanden werden. Reagiert ein Hund in einer bestimmten Situation plötzlich nicht mehr wie gewohnt, kann jedoch Stress dahinterstecken.

Mögliche Anzeichen sind beispielsweise eine geduckte Körperhaltung, eine eingezogene Rute, angelegte Ohren, Ausweichen, Verstecken, starkes Hecheln oder häufiges Lecken. Manche Hunde frieren regelrecht ein, andere versuchen hektisch, Abstand zum Auslöser zu gewinnen.

Wer solche Veränderungen früh erkennt, kann reagieren, bevor die Situation für den Hund noch belastender wird.

Unsicherheit gegenüber Menschen und anderen Hunden

Einige Hunde reagieren besonders sensibel auf fremde Menschen oder Artgenossen. Die Gründe dafür können sehr unterschiedlich sein.

„Häufig hängt das entweder mit fehlenden oder aber mit schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit zusammen“, erklärt Ketter.

Ein unsicherer Hund versucht oftmals zunächst, Abstand zu gewinnen. Er weicht aus, wendet den Körper oder Blick ab oder zieht sich zurück. Wird dieses Bedürfnis nach Distanz nicht erkannt oder kann der Hund der Situation nicht ausweichen, kann seine Reaktion deutlicher werden – beispielsweise durch Bellen oder Knurren.

Knurren sollte dabei als wichtiges Kommunikationssignal ernst genommen werden. Statt den Hund für seine Warnung zu bestrafen, gilt es herauszufinden, was ihn belastet, und ihm nach Möglichkeit ausreichend Abstand zum Auslöser zu verschaffen.

Gewitter, Silvester und Lärm: Wenn Geräusche Angst machen

Gewitter, Feuerwerk, Baustellenlärm oder andere ungewohnte Geräusche können Hunde erheblich belasten. Wie stark ein Tier darauf reagiert, ist individuell verschieden.

„Wichtig ist dabei vor allem, selbst gelassen zu bleiben“, rät Dr. Ketter.

Eine ruhige und verlässliche Bezugsperson kann einem unsicheren Hund Orientierung geben. Gleichzeitig sollte der Hund selbst entscheiden dürfen, ob er die Nähe seines Menschen sucht oder sich lieber an einen geschützten Ort zurückzieht.

Hilfreich kann es sein, dem Tier einen vertrauten Rückzugsort zur Verfügung zu stellen und zusätzliche Belastungen möglichst zu vermeiden. Zeigt ein Hund ausgeprägte oder regelmäßig wiederkehrende Angstreaktionen, empfiehlt es sich, fachkundigen Rat einzuholen.

Einen unsicheren Hund nicht zum „Aushalten“ zwingen

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht: Einen unsicheren Hund bewusst mit einem Angstauslöser zu konfrontieren und darauf zu hoffen, dass er sich daran gewöhnt, kann ihn überfordern.

Stattdessen sollte das Training so gestaltet werden, dass der Hund positive Erfahrungen sammeln kann, ohne dabei starken Stress auszuhalten. Abstand zum Auslöser, überschaubare Trainingsschritte und positive Verstärkung können dabei eine wichtige Rolle spielen.

Wie das Training konkret aussieht, hängt jedoch vom einzelnen Hund und dem jeweiligen Auslöser ab.

Geduld und kleine Fortschritte zählen

Unsicherheit lässt sich meist nicht innerhalb weniger Tage überwinden. Besonders sensible oder stark ängstliche Hunde benötigen Zeit, um neue Erfahrungen zu machen und Vertrauen aufzubauen.

„Gerade sensible Hunde brauchen Zeit, um Vertrauen aufzubauen und neue Erfahrungen positiv zu verknüpfen“, sagt Ketter. „Wichtig ist, den Hund nicht zu überfordern und auch die kleinen Fortschritte wahrzunehmen.“

Verlässliche Abläufe, ausreichend Rückzugsmöglichkeiten und ein Training in kleinen, bewältigbaren Schritten können einem Hund dabei helfen, zunehmend Sicherheit zu gewinnen.

Ist die Angst sehr ausgeprägt, verschlimmert sie sich oder beeinträchtigt sie den Alltag von Hund und Halter erheblich, sollte professionelle Unterstützung hinzugezogen werden – beispielsweise durch eine auf Verhaltensmedizin spezialisierte Tierärztin oder einen Tierarzt beziehungsweise qualifizierte Fachleute für Hundeverhalten.

Quelle: Industrieverband Heimtierbedarf (IVH) e. V.; Expertenaussagen von Dr. Daphne Ketter, Tierärztin und Inhaberin der Tierarztpraxis für Verhaltensmedizin „Tierverhalten München“.